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Familie, Kinder und Jugendliche

Aktuell

Statement von
Staatsministerin Christa Stewens
anlässlich der Pressekonferenz zum
Zusammenhang zwischen
Gewaltdarstellungen in den Medien
und steigender Gewaltbereitschaft
von jungen Menschen

München, den 17. Mai 2002

Sehr geehrte Damen und Herren,

die soeben präsentierten Forschungsergebnisse zeigen klare Zusammenhänge zwischen problematischem Medienkonsum und sozialschädlichem Verhalten junger Menschen. Es geht hier schon längst nicht mehr um „Glaubensbekenntnisse", sondern um Tatsachen. Die Hoffnung, dass insbesondere nach den dramatischen Ereignissen des 11. September eine Selbstbeschränkung der Medienwirtschaft stärker Raum greifen würde, haben sich leider nicht erfüllt. Die Halbwertszeit der Beteuerungen, in Zukunft weniger gewaltverherrlichende oder gewaltverharmlosende Medieninhalte auf den Markt zu werfen, ging leider gegen Null. Wenn der Interessenverband der Unterhaltungssoftware (VUD) erklärt, mit der freiwilligen Selbstkontrolle habe die Unterhaltungsindustrie bereits verantwortungsbewusst reagiert, so ist das nur die halbe Wahrheit. Geflissentlich wird verschwiegen, dass die Obersten Landesjugendbehörden schon vor zwei Jahren eine vertragliche Vereinbarung mit dem VUD gekündigt haben, weil die freiwillige Selbstkontrolle allzu lax und oberflächlich gehandhabt wurde. Die Jugendminister der Länder forderten stattdessen eine effektive gesetzliche Regelung.

Der gesetzliche Jugendschutz auf Bundesebene hat aber mit der rasanten Medienentwicklung in den vergangenen Jahren nicht Schritt halten können. Die Bayerische Staatsregierung hat seit Mitte der achtziger Jahre immer wieder auf Bundesebene Vorstöße unternommen mit dem Ziel, verschärfte gesetzliche Regelungen zum Jugendschutz durchzusetzen. Im Februar 2000 hat der Bundesrat die langjährigen bayerischen Forderungen aufgegriffen und die Bundesregierung aufgefordert, hier initiativ zu werden. Die drängenden Probleme des Jugendschutzes und des Jugendmedienschutzes wurden dann allerdings nicht angepackt. Erst am 8. Mai hat das Bundeskabinett eine sogenannte „Formulierungshilfe" beschlossen – und das nicht nur unter dem Eindruck von Erfurt, sondern letztlich auf Druck der Länderchefs. Zu meiner Beruhigung ist jetzt wenigstens ein weit reichendes Verbot für pornographische, indizierte oder sonstige schwer jugendgefährdende Videofilme, Computerspiele, CDs etc., berücksichtigt. Die Bundesfamilienministerin Bergmann musste quasi „Nachsitzen", denn aus eigenem Antrieb hätte sie die immer wieder von Bayern erhobene Forderung nicht aufgegriffen. Noch im neuen Gesetzentwurf am 3. Mai, den sie in einer Blitzaktion den Ländern vorgelegt hat, fand sich kein Verbot!

Erst bei den Beratungen der Ministerpräsidenten mit dem Bundeskanzler am 06. Mai konnte über die bayerischen Forderungen Einvernehmen erzielt werden.

Aufgegriffen werden sollen nunmehr

  • ein generelles, altersunabhängiges Verbreitungsverbot schwer jugendgefährdender Videofilme und Video- und Computerspiele
  • ein Verbot des gewerblichen Vertriebs von Bildträgern mittels Verleihautomaten
  • eine verbindliche Alterskennzeichnung von Video-Computerspielen analog der Regelung bei Kino- und Videofilmen
  • ein Verbot sogenannter Killerspiele, bei denen in menschenverachtender Weise Tötungen oder Verletzungen an Mitspielern real oder digital simuliert werden (z.B. Gotcha oder Laserdrome-Spektakel).

Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe wird außerdem ein absolutes Herstellungsverbot für besonders grausame, menschenverachtende, gewaltverherrlichende oder gewaltverharmlosende Darstellungen prüfen. Ich bin optimistisch, dass Bund und Länder gemeinsam deutliche gesetzliche Grenzen für die Medienmacher aufzeigen werden. Für meine Begriffe allzu lange schon konnten es sich die Verfechter der „Massaker- und Monsteraction" hinter den Grundrechtsschranken der Meinungs- und Berufsfreiheit bequem machen.

Dass diese Positionen nicht aus der Luft gegriffen sind, das bestätigen die heute hier anwesenden Wissenschaftler. Es ist erschreckend, wenn Kinder stundenlang vor dem Fernseher geparkt werden oder vor den PCs sitzen und darauf losballern, weil es in den Spielen darauf ankommt, möglichst viele Menschen zu töten. 80 % aller Video- und Computerspiele verlangen aggressive Aktionen von den Spielern. 27 % der Mütter und 16 % der Väter wissen nicht, mit welcher Art von Computerspielen sich ihre Kinder die Zeit vertreiben. Und 87 % der Mütter und 71 % der Väter haben mit ihren Kindern noch nie gemeinsam am PC gespielt. Dies sind aktuelle Forschungsergebnisse von Trudewind und Steckel, Wissenschaftlern der Ruhr-Uni Bochum. Alarmierende Zustände wie ich finde! Hier müssen Eltern sensibler und problembewusster werden! Angebot und Nachfrage dominieren auch den digitalen Spielemarkt. Es gibt eine Vielzahl spannender, interessanter und strategischer Spiele, die nicht nur Spaß machen, sondern auch pädagogisch wertvoll sind. Deshalb weigere ich mich, das sogenannte Marktgesetz „Sex and crime sells" anzuerkennen.

Menschen sind in ihrer Entwicklung ein Stück weit auf Nachahmung angewiesen. Ein wesentlicher Teil der Lernfähigkeit basiert auf der Imitation von Handlungsweisen – der Spracherwerb genauso wie komplexe soziale Verhaltensmuster. Das gilt leider auch für fehlgeleitete Strategien der Konfliktbewältigung. Mit sogenannten coolen Medien-Vorbildern, wie man seine Gewalt an anderen abreagiert, werden unsere Kinder und Jugendlichen heute förmlich reizüberflutet. Militärpsychologen sprechen schon seit längerem vom sogenannten „operantem Konditionieren". Jüngstes trauriges Beispiel ist eine Kino-Gewaltorgie, deren Namen ich jetzt nicht extra nenne, um nicht noch unnötig Werbung zu machen: Obwohl von der FSK nicht „unter 18 Jahren freigegeben", ist die Werbung dafür seit 2. Mai an allen Litfasssäulen zu sehen, großformatig, plakativ und absolut martialisch aufgemacht! Die fatale Signalwirkung auf Kinder scheint den Kinoverleihern egal zu sein.

Äußerst beunruhigend finde ich auch eine deutsch-amerikanische Studie, deren Ergebnisse darauf hindeuten, dass Amokläufer durch Medienberichte zu ihren Taten angeregt werden. Die „Ärztezeitung" vom 14. Mai titelte: „Amokläufe die Furore machen, lösen Nachahmungseffekte aus." Tatsächlich erscheint mir auch das „Drehbuch" des Täters von Erfurt wie eine nahezu fotografische Nachahmung des Dramas von Littleton oder wie eine Inszenierung gewalthaltiger Computerspiele á la „Counter-Strike". Ich richte deshalb erneut meinen Appell an Medienmacher, eine stärkere Mitverantwortung für das gesunde Aufwachsen und die psychische Stabilität unserer Kinder und Jugendlichen zu übernehmen. Medienverantwortung heißt vor allem Verantwortung für den gesellschaftlichen „Kitt"; bedeutet vor allem Verantwortlichkeit für die Vermittlung von Normen und Denk- bzw. Verhaltensmustern, die mit unserer Gesellschafts- und Werteordnung in Einklang stehen. Ich halte es daher für unerlässlich, dass gesellschaftlich akzeptierte, gar wünschbare „Vorbilder" transportiert werden. Ich kann mich also Herrn Prof. Groebel nur anschließen und fordere die Medienbranche auf, ein Mehr an prosozialen Verhaltensweisen darzustellen. Ein werteorientiertes Koordinatensystem ist bedeutsamer denn je! Ansonsten besteht weiterhin die große Gefahr, dass sozial unsichere Menschen bzw. labile Kinder und Jugendliche sich an den extremsten Verhaltensmodellen orientieren, weil diese die größte Aufmerksamkeit der Medien erzielen.

Die Eskalation der Gewalt ist auch eine Folge der fehlenden Wertschätzung der Erziehungsleistungen der Eltern und der zum Teil „strukturellen Rücksichtslosigkeit" gegenüber Familien.

Die Erziehung von Kindern ist heute anspruchsvoller geworden. Wir dürfen hier Eltern und andere Erziehungsberechtigte nicht alleine lassen. Erziehung geht uns alle an! Zu einem qualifizierten präventiven Kinder- und Jugendschutz gehört daher auch die Unterstützung zahlreicher Angebote der Familienbildung und die Förderung der Erziehungsberatung bis hin zu niedrig schwelligen Projekten, die Kinder, Eltern aber auch Berufspädagogen für den verantwortungsvollen Umgang mit Medien fit machen sollen. Zur Stärkung der Elternkompetenz brauchen wir ein feinmaschiges Netzwerk der Zusammenarbeit von Elternhaus, Kinderbetreuungseinrichtungen, Schule, Bildungs- und Beratungseinrichtungen, aber auch innovative Angebote wie das neue Elternbildungsprojekt „ELTERNTALK" der Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V., das wir erst vorgestern hier im Familienministerium zum Internationalen Tag der Familie 2002 der Öffentlichkeit präsentiert haben.

Ein weiterer wichtiger Knoten ist die "Jugendsozialarbeit an Schulen". Gerade der Einsatz sozialpädagogischer Fachkräfte, die Bündelung der pädagogischen Kompetenzen von Schule und Jugendhilfe, können einen wesentlichen Beitrag für das soziale Lernen und den sozialen Frieden in den Schulen leisten. Die Bayerische Staatsregierung hat im März 2002 als erstes Bundesland ein Regelförderprogramm zum Ausbau dieser besonders intensiven Form der Zusammenarbeit beschlossen. An rund 500 Schulen mit besonders gravierenden erzieherischen und sozialen Problemen, werden wir insgesamt 350 Sozialpädagogen finanzieren. Das Leistungsprofil der Schulsozialarbeiter umfasst ein breites Spektrum; Kernstück werden aber auch Anti-Aggressions- und soziale Trainingskurse, Streitschlichterprogramme und Anti-Mobbing-Gruppen sein.

Die gesetzgeberischen Aktivitäten und sonstigen Initiativen können jedoch nur dann wirkungsvoll greifen, wenn es Eltern und Berufspädagogen gelingt, Kindern und Jugendlichen emotionalen Rückhalt zu geben und sozial-ethische Werte zu vermitteln. Ich appelliere vorrangig an die Eltern, an Lehrer und Erzieherinnen, aber auch das gesamte soziale Umfeld unserer Kinder und Jugendlichen, genauer hinzuschauen und hinzuhören, Anzeichen einer Verstörung frühzeitig wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Vor allem innerhalb der Familien müssen Eltern und Kinder wieder mehr miteinander reden und ein offenes Ohr für die Bedürfnisse und Probleme des anderen haben.

Auch sind alle aufgerufen, sich aufmerksamer mit den Ergebnissen der Medienwirkungsforschung auseinander zu setzen. Gerade die medienpädagogischen und medienpsychologischen Erkenntnisse von Prof. Groebel und Prof. Lukesch müssen enger verwoben werden mit politischen und ökonomischen Entscheidungen. Die Chance besteht aktuell bei der anstehenden Reform der Medienordnung, beim Entwurf eines neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrags. Dieser soll vor allem den Wirksamkeitsschutz im Internet verbessern. Auf der Basis wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse und den praktischen Erfahrungen aktiver Jugendschützer, kann ein nachhaltiger Kinder- und Jugendschutz sichergestellt werden. „Kinder schützen und Eltern stärken" – das ist bei allem Restrisiko, das bleiben wird – meine Devise!

Ich danke für Ihr Interesse!

siehe auch:
Pressemitteilung v. 17. Mai 2002
Statement Prof. Dr. Jo Groebel
Statement Prof. Dr. Helmut Lukesch

17. Mai 2002

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