Autismus – so vielfältig wie das Leben

Autistinnen und Autisten nehmen Sinneseindrücke oft intensiver wahr als andere. Manche tun sich schwer bei sozialen Kontakten, andere benötigen Unterstützung im Alltag. Das zeigt: Es gibt nicht die Autistin oder den Autisten. Wer mehr über das ganze Spektrum dieser neuropsychologischen Entwicklungsbesonderheit weiß, kann Barrieren abbauen und zu einem besseren Miteinander beitragen.

Hand auf Schulter einer anderen Person als unterstützende Geste.
iStock/Jacob Wackerhausen
Kind schaut aus einem blau-grünen Hängesitz vor einem Regal mit bunten Spielzeugfiguren und einer roten Uhr.
StMAS/Jens Frank

Was bedeutet Autismus?

Ob helles Licht, laute Geräusche oder Berührungen – Autistinnen und Autisten verarbeiten sensorische Reize von Kindheit an sehr individuell. Im Alltag kann das dazu führen, dass ihr Verhalten zum Beispiel beim Einkaufen, im Büro oder während eines Gesprächs befremdlich wirkt und von dem abweicht, was in der Gesellschaft als „normal“ bezeichnet wird. Der Grund dafür ist eine neuropsychologische Entwicklungsbesonderheit, die laut internationalen Studien bei etwa einem Prozent der Menschen weltweit vorkommt.

Autismus ist ein Spektrum

Besondere neurologische Merkmale beeinflussen, wie Autistinnen und Autisten Informationen und Sinneseindrücke verarbeiten. Vereinfacht ausgedrückt, fällt es ihnen schwerer, zu filtern, was sie hören, sehen, riechen oder fühlen. Diese Besonderheiten sind bei jedem Menschen mit Autismus anders ausgeprägt. Deshalb gibt es nicht den Autismus, sondern ein Autismus-Spektrum, das sich aus vielen unterschiedlichen Facetten zusammensetzt.

So vielfältig ist Autismus

Der Kampagnenfilm gibt persönliche Einblicke und zeigt, wie sich Autismus bei jedem Menschen anders äußern kann.

Nahaufnahme eines älteren Mannes mit weißem Bart und Brille, der eine goldene Trompete spielt.

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Hier erfahren sie, wie Bayern mit der Autismusstrategie den Alltag von Autistinnen, Autisten und ihren Familien spürbar erleichtert.

    Wie fühlt sich Autismus an?

    Reize im Alltag können für Autistinnen und Autisten überwältigend wirken. Das Stimmengewirr im Café oder der Geruch in der Straßenbahn lassen sich nicht ausblenden und wirken plötzlich schmerzhaft. Das Etikett im Pullover ist nicht nur ständig zu spüren, sondern brennt auf der Haut. Das hat nichts damit zu tun, dass die Person besonders „empfindlich“ ist.

    Große Menschenmenge in hellem, modernem Foyer vor Rolltreppen.
    jotily
    jotily
    "Wenn bei mir in einer unerwarteten Situation mehr als zwei sensorische Reize wie Störgeräusche oder grelles Licht gleichzeitig auftreten – etwa, wenn mich jemand im Zug unvermittelt anspricht –, kann das meine hypersensitiven Sinne überfordern. Dann muss ich mich aus der Situation entfernen, auch wenn ich dadurch unhöflich wirke."
    Julia Hager, Autistin, Psychologin

    Wenn Autistinnen und Autisten viele Reize gleichzeitig wahrnehmen, fällt es ihnen schwer, zu filtern. Die Folge: Das Nervensystem läuft permanent auf Hochtouren. Um diese Reizüberflutung auszuhalten, konzentrieren sich einige besonders stark auf eine Sache, andere suchen gezielt Reize wie Bewegung oder festen Druck.

    Auch soziale Situationen und Kommunikation können besonders herausfordernd sein. Denn die Bedeutung von Blickkontakt, Mimik oder Zwischentönen erschließt sich für viele Autistinnen und Autisten nicht immer. Das heißt nicht, dass sie weniger Interesse an anderen haben oder weniger zu sagen hätten. Sie nehmen soziale Signale nur anders wahr und kommunizieren auf ihre eigene Weise.

    "Bei fremden Menschen kann ich nicht automatisch erkennen, ob sie ihre Worte wörtlich meinen oder ob sie Ironie verwenden."
    Werner Kelnhofer, Autist, ehemaliger IT-Fachmann

    Stimmen aus dem Leben

    Kein Mensch erlebt Autismus genauso wie ein anderer. Autistinnen, Autisten und ihre Angehörigen erzählen, wie sie ihren Alltag meistern. Wie sie ihre Umgebung erleben. In welchen Momenten sie unsicher werden und wie ihnen andere begegnen.

    Lernen Sie die Lebenswelt von Autistinnen und Autisten kennen!

    Der Fotograf und Trainer Stephan Gelenscher war 38 Jahre alt, als er die Diagnose Autismus erhielt.

    Sie haben erst als Erwachsener erfahren, dass Sie Autist sind. Wie kamen Sie darauf, dass Sie Reize anders wahrnehmen als viele andere Menschen?

    Stephan Gelenscher: Ich habe als junger Mensch sehr oft erlebt, dass mir meine eigene Wahrnehmung abgesprochen wurde. So tat mir zum Beispiel das Licht einer Lampe sehr weh – manchmal kann dafür schon eine für mich unangenehme Farbtemperatur ausreichen. Die Reaktion darauf war jedoch: „Stell dich nicht so an, das kann nicht sein.“

    Als ich mich später einmal in den Finger schnitt, sagte ich niemandem Bescheid. Ich war dann sehr irritiert, als Menschen um mich herum erschrocken sagten: „Du blutest, das muss doch weh tun.“ Für mich war dieser Schmerz jedoch deutlich weniger schlimm als das Licht der Lampe.
    So lernte ich, dass mit meiner eigenen Wahrnehmung offenbar etwas nicht stimmen müsse und begann, mich immer stärker den Erwartungen meiner Umwelt anzupassen.

    Wie sind Sie damit umgegangen?

    Stephan Gelenscher: Ich habe begonnen, das Verhalten anderer Menschen nachzuahmen, um irgendwann auch „normal“ sein zu können. Das bedeutete aber auch, mich im tiefsten Kern zu verstellen. Heute weiß ich, dass man das „Masking“ nennt.

    Mich hat diese Anpassung sehr viel Kraft gekostet, ohne dass es jemals ganz funktioniert hätte – bis ich schließlich herausfand, dass ich Autist bin, und langsam anfing, mich selbst neu kennenzulernen.

    Heute denke ich: Ich bin anders und gleichwertig zugleich. Gleichzeitig lehne ich es klar ab, pathologisiert zu werden.

    „Unmasking“ ist deshalb zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden.

    Mann in hellblauem Hemd übergibt ein kleines Päckchen, Nahaufnahme, unscharfer Gesprächspartner links.
    StMAS/Jens Frank

    Die Erkenntnisse aus ihrem Psychologiestudium haben Julia Hager geholfen, den Umgang mit Menschen ohne Autismus leichter zu meistern.

    Wie nehmen Sie Ihre Umgebung wahr?

    Julia Hager: Vier meiner acht Sinne sind hypersensitiv. Das erlaubt mir, alles um mich herum auf einmal wahrzunehmen, zu analysieren und zu kategorisieren. Für mich besteht die Welt aus Mustern – sichtbaren und emotionalen –, die ich schnell einordnen kann, auch ohne Augenkontakt. Besonders das echte Befinden anderer Menschen erfasse ich sehr schnell und akkurat. 

    Welche Hürden bringt diese besondere Wahrnehmung mit sich?

    Julia Hager: Gruppensituationen sind eine Herausforderung, weil mir das intuitive Verständnis von sozialen Normen und Regeln fehlt. Früher hatte in Schwierigkeiten damit, angemessen auf Situationen zu reagieren. Das Wissen aus meinem Psychologiestudium hilft mir heute, mich auch ohne intuitives Verständnis durch soziale Situationen zu navigieren. Diesen Vorteil haben jedoch die wenigsten Autistinnen und Autisten.

    Wenn Sie anderen Menschen eine Sache über Autismus mitgeben könnten – welche wäre das?

    Wir sind zwar wirklich anders, unsere Gehirne sind bewiesenermaßen neurologisch anders verdrahtet und funktionieren nicht wie ein neurotypisches Gehirn. Aber wie jeder Mensch können auch wir nicht glücklich sein, wenn wir isoliert leben. Manchmal wirken wir schüchtern – das liegt daran, dass wir eine komplett andere verbale und nonverbale Ausdrucksweise haben. Ich empfehle, im Kontakt mit Autistinnen und Autisten zu fragen: „Hast du das wirklich so gemeint, wie ich das jetzt verstanden habe?“ Das ist eine einfache Frage, aber für Menschen für Autismus macht sie einen Riesenunterschied.

    Lächelnde Frau sitzt an einem mit Fotos und Pflanzen dekorierten Schreibtisch.
    StMAS/Jens Frank

    Werner Kelnhofer ist Autist und höchstbegabt – eine Mischung, die den Kontakt mit anderen erschweren kann. Der ehemalige IT-Fachmann hat seine eigene Art, damit umzugehen.

    Wie erleben Sie Kontakte mit Menschen ohne Autismus? 

    Werner Kelnhofer: Ich kann von meinen Mitmenschen keine Toleranz erwarten, wenn diese nicht wissen, warum. Allerdings hilft ein banales Outing als Autist auch nicht, denn es kursieren viel zu viele Klischees über Autismus und in diese Schubladen will ich nicht gesteckt werden. Deshalb oute ich mich im Bedarfsfall mit meinem Flyer, um diese Schublade selbst zu gestalten – damit ich auch hineinpasse. Dass ein schriftliches Outing wesentlich ernster genommen wird, kommt noch hinzu.

    Wenn Sie anderen Menschen eine Sache über Autismus mitgeben könnten – welche wäre das?

    Autismus ist KEINE Krankheit, daher auch nicht heilbar. Autismus ist eine andere Wahrnehmung aller Sinne und eine andere Art der Verarbeitung dieser Signale. Deshalb soll man immer mit einem Autisten reden und nicht über ihn. 

    Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Autistinnen und Autisten in unserer Gesellschaft?

    Echte, gelebte Inklusion. Leider wissen immer noch sehr viele Menschen nicht, was der Begriff Inklusion wirklich bedeutet: also sowohl Toleranz als auch Akzeptanz sowie ein positives Aufeinander zugehen. Denn Autisten sind ein wertvoller, bereichernder Bestandteil der menschlichen Gesellschaft.

    Älterer Mann mit weißem Haar und Bart liegt in einer weißen, grob gestrickten Hängematte und trägt einen kabellosen Ohrhörer.
    StMAS/Jens Frank

    Oliver Sahnwaldt engagiert sich im Verein autismus Bayern e.V. und hat eine Selbsthilfegruppe für Familien gegründet. Er ist selbst Autist, ebenso wie seine beiden Söhne.

    Was wünschen Sie sich von anderen im Umgang mit Autistinnen und Autisten?

    Oliver Sahnwaldt: Bewertet nicht sofort, sondern versucht, die Person zu verstehen. Ihr Verhalten hat einen Grund – auch wenn er von außen vielleicht nicht sofort erkennbar ist. Fragt: „Was braucht dieser Mensch gerade?“

    Wo besteht aus Ihrer Sicht besonders großer Informationsbedarf?

    Vor allem bei der Interpretation autistischen Verhaltens. Ein Kind, das Anforderungen vermeidet, kann überfordert sein. Rückzug bedeutet nicht automatisch Desinteresse. Und jemand, der den Blickkontakt hält, scheinbar leicht kommuniziert oder nach außen besonders angepasst wirkt, ist deshalb nicht weniger autistisch.

    Wir brauchen in der Gesellschaft mehr Wissen über Reizverarbeitung, Masking, Meltdowns, Shutdowns und die unterschiedlichen Formen von Überforderung.
    Denn nicht alles, was belastet, ist von außen sichtbar. Und „unauffällig“ bedeutet nicht automatisch „nicht belastet“.

    Was ist das Besondere am Austausch in der Selbsthilfe?

    Für viele Familien sind Begegnungen im Rahmen der Selbsthilfe die einzigen Gelegenheiten, bei denen sie sich nicht ständig erklären oder rechtfertigen müssen. Man trifft auf Menschen, die ähnliche Situationen kennen und denen man nicht erst beweisen muss, dass die eigene Wahrnehmung und das eigene Erleben real sind. Genau das ist unglaublich wertvoll. Da ist jemand, der nicht sofort bewertet, sondern sagen kann: „Ich weiß, wovon du sprichst. Ich kenne das.“

    Vorgebeugter lächelnder Mann in graublau gestreiftem Hemd vor beige Wand, warm beleuchtet.
    StMAS/Jens Frank

    Wenn Anpassung Kraft kostet

    Der spontane Plausch mit Kolleginnen und Kollegen, eine kurzfristige Planänderung oder unausgesprochene Regeln in einer Gruppe: Was für andere selbstverständlich ist, muss von Autistinnen und Autisten mitunter bewusst entschlüsselt und eingeübt werden. Das kann viel Kraft kosten. 

    Hinzu kommen Vorurteile und falsche Erwartungen. Manche Autistinnen und Autisten versuchen, ihr Verhalten an die Erwartungen ihrer Umgebung anzupassen und bestimmte Merkmale zu verbergen. Das gilt für den Arbeitsplatz, die Schule und in der Öffentlichkeit. 

    Dieses sogenannte Masking kann den Alltag erleichtern und Teilhabe ermöglichen. Wenn Autistinnen und Autisten allerdings über längere Zeit versuchen, die sozialen Erwartungen zu erfüllen, kann das zum Autistischen Burnout führen. Ihre Energiereserven sind dann aufgebraucht, sodass selbst alltägliche Dinge immer schwerer fallen und sie Unterstützung brauchen.

    Mann in hellblauem Hemd übergibt ein kleines Päckchen, Nahaufnahme, unscharfer Gesprächspartner links.
    StMAS/Jens Frank
    StMAS/Jens Frank
    "Wir sehen das Funktionieren – aber nicht, welche Kraft das Menschen mit Autismus kostet. Genau deshalb sollten wir nicht nur fragen ,Hat der Mensch funktioniert?`, sondern: ,Was hat es ihn gekostet, zu funktionieren?`"
    Oliver Sahnwaldt, Autist, Gründer der „Systemsprenger Selbsthilfegruppe Hausham“, Vater von zwei autistischen Söhnen
    Hand auf Schulter einer anderen Person als unterstützende Geste.
    iStock/Jacob Wackerhausen

    Autismus aus eigener Perspektive

    Warum können bestimmte Situationen besonders herausfordernd sein? Wie entstehen Missverständnisse – und was kann im Miteinander helfen? Auf der Unterseite „Autismus besser verstehen“ erfahren Sie mehr über Hintergründe, Vorurteile und einen respektvollen Umgang im Alltag.

    Werner Kelnhofer, Autist, ehemaliger IT-Fachmann

    „Autismus ist eine andere Wahrnehmung aller Sinne und eine andere Art der Verarbeitung dieser Signale. Um das besser zu verstehen, sollte man mit Autistinnen und Autisten reden und nicht nur über sie.“

    Stephan Gelenscher, Autist, Fotograf & Trainer

    „Es gibt für mich zwei regelrecht unterschiedliche Sprachen: die Art, wie autistische Menschen häufig kommunizieren, und die Art, wie allistische – also nicht-autistische – Menschen kommunizieren.

    Ich musste also eine Fremdsprache lernen, ohne überhaupt zu wissen, dass es verschiedene Sprachen gibt. Und ich konnte sie trotz größter Bemühungen nie gut genug sprechen: Es blieb immer ein „Akzent“, der andere Menschen – meist unbewusst – irritierte.

    Heute ist mir wichtig, dass dieses „die Sprache des anderen lernen“ in beide Richtungen passiert. Es kann nicht dauerhaft nur von autistischen Menschen erwartet werden, die Sprache der anderen zu lernen und sich anzupassen. Damit Kommunikation wirklich funktioniert, müssen beide Seiten einander verstehen lernen.“ 

    Oliver Sahnwaldt, Autist, Gründer der „Systemsprenger Selbsthilfegruppe Hausham Vater von zwei autistischen Söhnen

    „Meine Diagnose hat meine Vergangenheit nicht verändert. Aber sie hat mir geholfen, sie endlich zu verstehen. Genau deshalb wünsche ich mir für unsere Kinder, dass sie nicht erst Jahrzehnte brauchen, um festzustellen, dass sie nicht ,falsch´ sind. Denn nur, weil andere die Wahrnehmung eines Menschen mit Autismus nicht nachvollziehen können, bedeutet das nicht, dass seine Wahrnehmung falsch ist.“

      Häufige Fragen zu Autismus

      Autismus ist keine Erkrankung, die geheilt werden muss, sondern begleitet Menschen ein Leben lang. Therapien und andere Unterstützungsangebote können dabei helfen, individuelle Fähigkeiten zu fördern, Belastungen zu verringern und den Alltag zu erleichtern.

      Ja. Autismus ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit, die von Geburt an besteht. Genetische Faktoren spielen nach heutigem Forschungsstand eine wichtige Rolle. Autismus entsteht weder durch Erziehung noch durch Impfungen.

      Ja. Manche Menschen erfahren erst als Erwachsene, dass sie autistisch sind. Sie haben möglicherweise über viele Jahre Strategien entwickelt, um sich an Erwartungen anzupassen. Eine späte Diagnose kann helfen, frühere Erfahrungen und Schwierigkeiten besser einzuordnen.

      In Bayern gibt es verschiedene Beratungs-, Diagnostik-, Therapie- und Selbsthilfeangebote. Einen Überblick über Anlaufstellen und regionale Angebote finden Sie auf der Unterseite „Hilfe und Unterstützung“.

      Sie haben Fragen zu Autismus oder suchen Beratung für sich oder einen Angehörigen? Auf unserer Übersichtsseite finden Sie Anlaufstellen, Beratungsangebote und weitere Unterstützungsmöglichkeiten in Bayern.

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