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Scharf: „Schluss mit dem Stillstand in Anzügen“

80 Jahre Frauenwahlrecht in Italien – Ministerin spricht in Rom

122.26

Von der Gleichstellung von Frauen und Männern in Politik und Wirtschaft ist Europa nach wie vor weit entfernt. Zu diesem Schluss kommt Bayerns Sozialministerin und weitere stellvertretende Ministerpräsidentin Ulrike Scharf bei einer Reise nach Rom. Dort nahm sie aus Anlass des 80-jährigen Bestehens des Frauenwahlrechts in Italien an einer Podiumsdiskussion teil, die die Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Katholischen Akademie Bayern ausgerichtet hat.

Dort betonte Scharf: „In Deutschland, wo das Frauenwahlrecht vor 108 Jahren eingeführt wurde, ist Gleichstellung Verfassungsziel.“ Gleichwohl gehörten den Parlamenten weiterhin viel zu wenig Frauen an, ein Befund, den die Kommunalwahl im März 2026 in Bayern leider bestätigt habe. Für Scharf steht fest: „Es muss Schluss sein mit dem Stillstand im Anzug. Frauen in der Politik, das ist keine Option, das ist ein Muss.“ An Frauen, die sich politisch engagieren wollen, appellierte Scharf: „Bilden und pflegen Sie Netzwerke. Wer keine Netzwerke hat, hat in der Machtfrage oft schon verloren.“ Tradierte Rollenbilder müssten von der Kindheit an überwunden werden.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Scharf ein Wettbewerbsfaktor: „Wer auf Familienfreundlichkeit setzt, gewinnt die besten Talente die stärksten Teams und den Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Deshalb kämpfe ich für flexible Arbeitszeiten. Sie schaffen Familien Freiräume, sie ermöglichen selbstbestimmtes Arbeiten und geben Luft zum Atmen“, so Scharf, die sich für eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit ausspricht. „Unser Arbeitszeitgesetz muss endlich aus der Steinzeit.“

Zuvor hatte sich Scharf mit Mara Carfagna, ehemalige Ministerin für den Süden und Chancengleichheit, über frauenpolitische Themen ausgetauscht. In der Abgeordnetenkammer ging es unter anderem um den Vergleich der gesetzlichen Reglementierungen zum Schutz von Prostituierten in beiden Ländern. Beide stimmten überein, dass der Schutz der Prostituierten verbessert werden müsse. Scharf betonte: „Wir brauchen eine konsequente Verfolgung und Bestrafung von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Dies muss begleitet werden durch Hilfen zum Ausstieg und Prävention.“

Zum Programm von Scharfs Rom-Reise gehörte auch ein Besuch des Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof im Vatikan. Dort besichtigte die Frauenministerin die Gräber deutscher und flämischer Frauen, unter anderem die letzte Ruhestätte von Sibylle Mertens-Schaffhausen, begeisterte Archäologin und Sammlerin, die sich im frühen 19. Jahrhundert offen zur Liebe einer Frau bekannt hatte.